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Manor

- Novelle -

von Karl Heinrich Ulrichs

 

V.

Einige Stunden später ruderte wieder ein Boot über den Sund; doch ohne Har. Man ging wieder zu den Dünen; öffnete wieder das Grab. Der viereckige Pfahl steckte noch in der Gruft, doch nicht mehr in Manors Brust. Aber er lag gekrümmt neben dem Pfahl. Gestreckt zu liegen hinderte der Pfahl.

Weise Frau: »Er hat sich los machen können. Der Pfahl ist ja unten und oben gleich dick.«

Erster Wagöer: »Hat sich von unten nach oben am Pfahl in die Höhe gewunden.«

Zweiter: »Muß ihn aber unmenschliche Anstrengung gekostet haben.«

Auf Rat der weisen Frau behieben sie heute einen stärkeren Pfahl, den sie oben doppelt so dick ließen als unten, daß er aussah wie ein Nagel mit Kopf. Zogen den alten Pfahl weg und pfählten ihn mit diesem.

»So! Nun ist er angenagelt«, sagte der Axtmann, als er dem Pfahl den letzten Hieb auf den Kopf gegeben.

Zweiter Wagöer: »Mag er sich winden und drehn, von dem windet er sich nicht los.«

Lära kehrte zu Har zurück; erzählte was geschehn. »Nun ist es vorbei«, sagte er zu sich selbst, da er zu Bett ging. Schlummerlos lag er da. Mitternacht kam. Doch alles blieb still. Nichts raschelte draußen am Fenster in den Zweigen des Fliederstrauchs. Kein Schwimmer schreckte den Fischer mehr, der Nachts mit geschlossenen Augen des Sundes Woge durchschnitt.

Lära: »Nun hast du Frieden vor ihm. Er hat dich so gequält.«

Er: »O Mutter! Mutter! Er hat mich nicht gequält!«

Härmte sich ab in vergeblichem Sehnen. »Mutter!« sagte er, »nun ists aus mit mir.« Zehrte ab; konnte sich nicht mehr vom Bett erheben.

Sie: »Bist so müde und so matt, mein lieber Sohn!«

Er: »Er zieht mich zu sich hinab.«

Eines Morgens saß sie an seinem Bett, da er noch schlief. Ein Monat war verflossen seit dem Schiffbruch. Es war noch früh. Sie weinte. Da schlug er die Augen auf.

»Mutter«, sagte er mit schwacher Stimme, »ich muß sterben.«

Sie: »O nein, mein Kind! Du sollst so jung nicht sterben!«

Er: »Doch, doch! Er ist wieder bei mir gewesen. Wir haben mit einander geredet. Wir saßen auf dem Stein unter der alten Buche im Wald wie sonst; er schlang seinen Arm wieder um meinen Hals und nannte mich »Min Jong«. Heut Nacht will er wieder kommen und mich holen. Er hat es mir versprochen. Ich kann es nicht aushalten ohne ihn.«

Sie beugte sich über ihn und ihre Tränen flossen reichlich auf sein Bett. »Mein armes Kind!« sagte sie und legte ihm ihre Hand auf die Stirn.

Als es Nacht ward, zündete sie eine Lampe an und wachte bei ihm am Bette. Still lag er da; schlief nicht; schaute schweigend vor sich hin.

Er: »Mutter!«

Sie: »Was willst Du, mein guter Sohn?«

Er: »Legt mich mit in sein Grab! Ja? Und zieht ihm den schrecklichen Pfahl aus der Brust!«

Sie versprach es ihm mit Händedruck und Kuß.

Er: »O, bei ihm muß es sich so süß liegen im Grabe!« – –

Da kam Mitternacht heran. Auf einmal verklärten sich seine Züge. Hob ein wenig den Kopf, als horche er. Mit glänzenden Augen schaute er nach dem Fenster und nach den Zweigen des Fliederbaums.

»Sieh, Mutter, da kommt er!« – –

Das waren seine letzten Worte. Da brachen ihm die Augen.

Sank in die Kissen zurück und entschlief.

Und sie taten, wie er gebeten.

 

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