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30 Jahre „Der bewegte Mann“ War der Sex in den 80ern besser, Ralf König?

Von Daniel Benedict | 21.06.2024, 18:00 Uhr | Update am 22.06.2024

Mit Comics wie „Der bewegte Mann“ hat Ralf König die schwule Subkultur in den Mainstream gebracht. Wir sprechen mit ihm über Sex – und darüber, wie der Sex sich seit den 80ern verändert hat.

In seinem neuen Comic „Harter Psücharter“ lässt Ralf König zwei seiner Stammfiguren älter werden – und etwas ratlos mitansehen, wie das schwule Leben sich verändert. Wie blickt der 63-Jährige selbst auf die queere Szene? Hat das Internet die Kunst freier gemacht? Kann er sich eine Fortsetzung von „Der bewegte Mann“ vorstellen? Und wie hat er die Aidskrise erlebt? Ein Gespräch über Sex und Kunst im Wandel der Zeiten.

Herr König, Sie begleiten seit Jahrzehnten Ihre Figuren Konrad und Paul beim Älterwerden. Im neuen Buch sagt der eine: „Vielleicht bist du nicht mehr zeitgemäß.“ Und der andere: „Aber noch sind wir anwesend!“ Ist das Ihr eigenes Lebensgefühl?

Naja, ich bin jetzt 63. Comics zeichne ich seit 43 Jahren und es ist mir wichtig, dass die Figuren nicht stehenbleiben. „Harter Psücharter“ ist nicht das erste Buch mit dem Thema Älterwerden. Als ich bei „Herbst in der Hose“ damit angefangen habe, dachte ich, dass das Buch floppt. Dass meine Leser das alles gar nicht so genau wissen wollen: Männer, die Erektionsprobleme haben oder überhaupt keinen Sex mehr. Älterwerden ist eine sehr individuelle Erfahrung, aber mit jedem Jahr weniger erfreulich. Zu meiner großen Überraschung wollten meine Leser das aber lesen. Viele, die lange kein Buch von mir in der Hand hatten, waren auf einmal wieder dabei.

Tunte, Transe, homophil: Ralf König über queere Sprachtabus

Nicht nur Ihre Figuren ändern sich, auch die Welt ist eine andere.

Und natürlich habe ich als junger schwuler Mann andere Erfahrungen gemacht als junge Männer heute. Vor allem wird heute mehr über Worte und Begrifflichkeiten gestritten. Nach meinem Coming-out in den 80ern haben wir schon diskutiert: Wie feminin darf ein Mann sein? Darf man sich die Nägel lackieren? Das waren schon immer politische Fragen. Nur haben wir damals von ‚Tunten‘ gesprochen. Heute heißt es divers oder non-binär. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das was anderes ist oder eben nur andere Wörter.

Worte wie Tunte oder Transe waren mal Selbstbeschreibungen aus der Community. Heute wird eine Triggerwarnung ausgesprochen, wenn ältere Schwule sich selbst immer noch so nennen.

Ja, sollen sie triggern. Beim Kölner CSD habe ich einmal auf einer Veranstaltung aus einem Comic gelesen. An einer Stelle fragt da eine Figur: „Wollen wir uns auftransen?“ Daraufhin ist im Publikum eine Transperson aufgestanden und hat sich beschwert, der Begriff sei völlig deplatziert. Das passt nicht für Tunten, die sich nur Frauenkleider anziehen und ihren Spaß haben. Alle guckten erstaunt und am erstauntesten war ich. Da habe ich begriffen, dass Wörter sich ändern. Wir wussten damals nicht viel von „trans“.

War die Sprache in den 80ern auch schon so umkämpft und tabuisiert?

Ich erinnere mich, dass es ältere Männer gab, die sich an dem Wort „schwul“ störten. „Homosexuell“ oder „homophil“ klang für sie besser. „Schwul“ kannten sie noch als Schimpfwort. Das gab es also immer. Heute wird nur viel lauter debattiert, weil das Internet alles verstärkt.

Mehr Informationen:

Ralf König wird am 8. August 1960 in Soest geboren. Nach Hauptschulabschluss und Tischlerlehre veröffentlicht er erste Comics in schwulen Underground-Magazinen, dann holt er die Mittlere Reife nach und professionalisiert seinen Strich an der der Düsseldorfer Kunstakademie. Ab 1981 erscheinen erste Bücher – und 1987, die beiden Bände, deren Verfilmungen König zum Mainstream-Phänomen machen: „Kondom des Grauens“ – und vor allem der Kassenhit „Der bewegte Mann“. Als Hetero-Macho in der Schwulen-WG lockt Til Schweiger 1994 über sechs Millionen Zuschauer ins Kino. Ab den späten 80ern liefert König mit „Lysistrata“ und „Archetyp“ schwule Parodien von antiken und biblischen Stoffen. In den 90ern geht der Comic-Autor in die Zensurgeschichte des Landes ein, als seine Bücher mit stets scheiternden Indizierungsanträgen und Beschlagnahmungen kriminalisiert werden. Seit 1990 begleitet König seine Helden Konrad und Paul durchs Leben. Im neuen Band „Harter Psücharter“ (Ehapa-Verlag, gebunden, 240 Seiten, 29 Euro) stellt das ungleiche Paar sich den Schrecken des Alters.

Ihr neues Comic ist erst bei Facebook und Instagram erschienen. Im Nachwort schreiben Sie, dass Sie mit Rücksicht auf die Plattform-Regeln keine Erektionen mehr zeichnen können. Hat das Internet uns weniger frei gemacht, als wir mal dachten?

Das betrifft nicht nur die Bilder. Es geht auch um die Sprache. Ich brauche Facebook und Instagram, um mein Publikum zu erreichen. Aber mit diesen Plattformen schwappt auch die amerikanische Prüderie zu uns rüber. Eine meiner Figuren ist Pauls homophobe Schwester Edeltraut. Wenn die ihren Bruder beleidigt, hagelt es Wörter wie „Schwuchtel“. Bei Facebook gilt das als „Hassrede“. Wie soll man als Comiczeichner damit umgehen, wenn Satire und Ironie nicht verstanden wird?

Transphob und rassistisch? Die Cancel-Debatte um Ralf König

Für das Brüsseler LGBTQIA+-Zentrum Rainbow House haben Sie ein Wandgemälde angefertigt. Und 2019 wurden Sie aufgefordert, es zu überarbeiten. Was war da los?

Brüssel ist die Comic-Hauptstadt. Da sind Tim und Struppi und Lucky Luke auf großen Wänden. Dass ich auch eine Wand gestalten durfte, war eine Ehre. Ich habe eine Knollennasen-Gruppe von queeren Personen entworfen, die groß auf diese Wand gesetzt wurde. Bei der Eröffnung gab‘s belgisches Bier, das gut knallte, alle waren gut gelaunt, ein schöner Tag. Vier Jahre später bekam ich dann diese Mail vom Rainbow House, weil das Bild übersprüht worden war. Auf einer Figur stand „rassistisch“, auf einer anderen „transphob“.

Was war auf dem Bild denn zu sehen?

„Rassistisch“ bezog sich auf eine schwarze Lesbe, die dem Betrachter mit erhobener Faust stolz entgegenspringt, aber sie hat rote Lippen. Figuren mit Lippenstift haben bei mir immer dicke Lippen, ob Drag Queen oder Pauls Schwester, Lippenstift und dicke Lippen, das ist Comic-Sprache. Aber hier wirkte es offenbar sehr missverständlich. Bei der Tunte im Bild wurde mir unterstellt, dass sei keine Dragqueen, sondern eine Transfrau, die traurig guckt, weil sie Haare auf den Armen hat. Aber es war eine Tunte, so wie ich sie auf jedem CSD sehe und seit 40 Jahren zeichne. Und sie ist dick, ich war also auch noch dickenfeindlich.

Wie ging’s aus?

Das Rainbow House hatte mir angeboten, die Zeichnung zu überarbeiten oder sie würden es von einem anderen Künstler übermalen lassen. Da hab ich gesagt: Es ist eure Wand. Wenn das Bild jemanden verletzt, macht es weg. Aber ich fange sicher nicht an, meine Figuren zu verschönern! Dann wollte man neben dem Bild eine Plakette anbringen, die auf die Problematik hinweist. Aber am Ende wurde das Bild von den aufgesprühten Sprüchen gesäubert und alles so gelassen, wie es war. Über Facebook hatte ich viel Zuspruch von Brüsseler Schwulen bekommen; die das Rainbow House und die ganze Sache peinlich fanden. Aber das ist so: Es gibt einen Generationenkonflikt in der Community.

Es muss verwirrend sein, 40 Jahre lang emanzipatorische Comics zu machen und dann als reaktionär kritisiert zu werden. Waren Sie wütend?

Nein, Wut passt nicht zu mir. Aber es ist, wie Sie sagen: Ich war irritiert, dass man mich so falsch verstehen kann. Das geht auch nur, wenn man noch nie ein Buch von mir gelesen hat. Der ganze Kontext und das, wofür ich seit über 40 Jahren stehe wird nicht wahrgenommen. Aber das ist nun mal so, wenn eine Generation auf die andere folgt. Die Jüngeren sehen was, das wir damals nicht gesehen haben oder nicht so wichtig fanden. Die Auseinandersetzung darüber wird nur sehr schnell zur Konfrontation. Da sind wir dann plötzlich die „Boomer“, die nichts verstanden haben.

Genderfluid, Genderqueer, Bi-curious und Demi-Romantic

Ihre Figur Konrad wundert sich über Regenbogenflaggen, auf denen Dutzende Identitäten ihre Farbe beanspruchen. Sein Kommentar: Sollten wir nicht alle eine Fahne hochhalten? Zerfällt die queere Gemeinschaft? Streiten sich jetzt Schwule mit Transpersonen, statt gemeinsam die Vielfalt zu feiern?

Wegen der CSD-Paraden gab es schon immer den Tuntenstreit: Ist es okay, in Stöckelschuhen und Perücken rumzustolzieren – wenn die Medien Schwule dann nur noch als schräge Paradiesvögel zeigen? Obwohl die meisten doch ganz normal aussehen? Es gab immer verschiedene queere Gruppen mit verschiedenen Standpunkten. Vielleicht halte ich mich selbst auf eine etwas opportunistische Weise raus.

Aus was denn zum Beispiel?

Ach, ich guck mir das als Satiriker mit einem Schritt Abstand an. Ich selbst bin ja ein sogenannter Cis-Mann. Auch so ein Begriff, der mir erst mal neu war. Ich identifiziere mich mit dem Geschlecht, mit dem ich geboren wurde. Darüber bin ich auch froh, das Leben ist sehr viel schwerer, wenn man eben nicht nach dem aussieht, was man ist. Ich bin einfach ein Mann, mich glotzt auf der Straße keiner an, man sieht auch nicht, dass ich schwul bin. Wenn man eine Transfrau ist, aber maskulin wirkt, auch wenn man einen Rock trägt, dann ist das ein Kampf mit der Umwelt. Ich verstehe, dass das sehr viele Kränkungen mit sich bringt. Ich verstehe aber auch schwule Männer, die sagen: Was habe ich damit noch zu tun? Und sich von den schrillen CSD-Paraden abwenden.

Sollten trotzdem alle dieselbe Regenbogen-Pride-Flagge hochhalten?

Die Regenbogen-Flagge sollte ursprünglich alle miteinbeziehen, aber mittlerweile kommt so viel diverse Symbolik dazu, dass man manchmal kaum noch den Regenbogen sieht. Dann wird’s kompliziert, und Flaggen sollten nicht kompliziert sein. Vor einigen Jahren bei Europride in Wien stand ich vor einem Poster mit 73 Pride-Flaggen, also 73 verschiedene Identitäten: Genderfluid, Genderqueer, Bi-curious, Demi-Romantic, alles Mögliche! Ich war baff und hab zuhause nach all dem gegoogelt. Meistens läuft es auf bisexuell raus oder auf trans oder eher Mann oder eher Frau. Aber wenn ich sexuell auf Frauen stehe und mich nur in Männer mit Brille verliebe, dann gibt’s eine eigene Flagge. Ich bin 63 und dabei raus. Aber ich hatte auch nie den Anspruch, alle Facetten der queeren Szene in meinen Comics zu darzustellen. Ich werde älter, meine Leser werden es auch. Junge Schwule wissen nicht mehr, wer ich bin. Das ist normal. Ich fände es nur spannend, wenn aus deren Reihen mal ein Cartoonist oder eine Comiczeichnerin käme, das alles schreit doch nach Satire. Aber die Talente haben wahrscheinlich keine Lust auf Shitstorm. Man ringt immerzu um Begriffe und sagt am Ende doch das Falsche. Ironie wird nicht mehr verstanden, das ist schlecht für eine Gesellschaft.

Warum „Der bewegte Mann 2“ nicht gedreht wurde

Was Ihre Bücher auszeichnet, ist der offene Umgang mit Sex. In den 80ern war das ungewöhnlich. Ist die Gesellschaft offener oder haben wir nur alte gegen neue Tabus getauscht?

Wir waren schon mal weiter. Instagram und Facebook erziehen uns allmählich zur amerikanischen Prüderie. Es gibt heute mehr Tabus als früher. Klar gab es früher auch Ärger: Das Bayerische Landesjugendamt hat in den 90ern meinen Band „Bullenklöten“ indizieren wollen und „Kondom des Grauens“ wurde widerrechtlich beschlagnahmt – aber das war ein Medienskandal, mit dem die Bayern sich selbst blamierten. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften im Bonn hat damals gesagt, das ist Kunst für Erwachsene. Heute sind Comics für Erwachsene eher verkopft und betont intellektuell anspruchsvoll. Damals war‘s einfach geiler Schweinkram. Fand ich besser.

Ein Höhepunkt Ihrer Karriere war Sönke Wortmanns Verfilmung Ihres Comics „Der bewegte Mann“ vor genau 30 Jahren. Könnten Sie sich dazu heute eine Fortsetzung vorstellen?

Das war sogar zum Filmjubiläum angedacht, aber mir fiel zu der Geschichte nichts mehr ein. Nicht mal als Comic wäre das interessant, und das nochmal mit Katja Riemann und Til Schweiger aufzubrühen … was sollte mit denen 30 Jahre später noch passieren? Ich hatte dazu keine zündende Idee und dann lieber nicht.

Wie Ralf König den Sex in den 80er Jahren erlebt hat

Der US-Regisseur John Waters hat mal gesagt, dass die Unterdrückung von Schwulen in seiner Jugend zwar schlimm war, dass er die Jahre des Undergrounds aber auch als intensiv und heiß erlebt hatte. War das für Sie auch so? Oder wollten Sie in den 80ern einfach nur, dass die Spießergesellschaft lockerer wird?

Dass es in den 80er Jahre diese Tabus gab, war sicher der Grund, warum ich mit meinen Comics überhaupt auffiel. Ich komme ja von den Undergroundcomics, „Fritz the Cat“ und so, klar war vieles schmuddelig und darum sehr kreativ. In Dortmund traf sich die Schwulengruppe in einem ehemaligen Fischladen ohne Fenster in einem Abrissviertel. Das war abseits der Gesellschaft, aber es herrschte enorme Aufbruchsstimmung! Die Leute kamen aus der Provinz, trafen sich in den Städten und merkten: Wow, ich bin ja gar nicht allein schwul! Das war eine überwältigende Erfahrung, wir fühlten uns ja vorher nur einsam auf den Dörfern. Wir haben dann Theatergruppen gegründet, wir haben politische Aktionen gemacht – das waren für mich die 80er. Und nachdem man die Teenagerjahre damit verbrachte, nur heimlich und unglücklich in heterosexuelle Mitschüler verknallt zu sein, hatte man plötzlich Sex!

Und wie war der?

Wir mussten mal erst lernen, dass das ok ist. Damals gab es noch die sogenannten Klappen – also öffentliche Toiletten irgendwo am Rande von dunklen Parks. Da lief man mit Herzklopfen rum und suchte sich, was man brauchte, noch eine Folge der Repressalien früherer Jahre. Heute trifft man sich sauber im Internet. Aber auch da bin ich raus. Ich bin 63. Underground gibt es ohnehin nicht mehr, was soll das heute noch sein? Natürlich war das enorm spannend, in den schwulen Fischladen zu gehen. Ich habe fünfmal das Gebäude umkreist, bis ich mich zu klingeln getraut habe. Wie sich herausstellte, war die Tür sowieso immer auf, die klemmte nur, ließ sich aber aufdrücken. Die Jungs da drin wussten das. Also wenn man klingelte, war man offenbar neu, da hörte man‘s kreischen: Frischfleisch! Musste man durch. War auch eher lustig.

Wenn Sie noch mal 20 Jahre alt sein könnten – würden Sie das lieber heute sein oder lieber noch mal die 80er erleben?

Heute lieber nicht, nein. Lieber noch früher und auf ein Janis-Joplin-Konzert gehen. Gegen nochmal jünger sein hätte ich nichts, aber wir leben mittlerweile in dieser destruktiven Welt mit Erderwärmung und Krieg nebenan und Terror. Was bin ich froh, in einer Zeit ohne Internet aufgewachsen zu sein! Es wäre zwar viel einfacher gewesen, nur das Wort „schwul“ zu googeln – und gleich zu wissen, wo‘s langgeht. Aber wir hatten damals nicht die ganze Zeit die Nase am Smartphone wie die Kinder heute. Aber das sagt ein alter Sack.

Viel Verdrängung in mir: Ralf König und die Aidskrise

Und zwar einer, der in seiner Jugend den Kalten Krieg erlebt hat, Tschernobyl und die Aidskrise mit all ihren Repressionen.

Stimmt. Damals war nicht alles besser.

Eine Ihrer Figuren sagt zum Kummer über das Älterwerden mal: „Fränzchen und Klaus waren klüger. Die sind damals am Virus verreckt, mit Anfang 30! Hättest du auch machen können.“ Wie haben die Leser auf diesen harten Satz reagiert?

Das wurde gut verstanden. Fränzchen ist eine Figur, die ich in einem früheren Comic wirklich an Aids sterben ließ, in „Super Paradise“. In einem neueren Comic-Strip zum Welt-Aids-Tag hatte ich an ihn erinnert. Da telefonieren zwei Freunde über ihn. Der eine sagt: Ich sehe ihn noch vor mir, wie er hier auf dem Sofa sitzt. Und dazu ein Bild von Fränzchen, wie er eben da sitzt, nur mit Bleistift gezeichnet, von der Krankheit ganz dünn und eingefallen. Das berührte die Leute sehr, vor allem die, die es miterlebt haben.

Sie haben es ja auch miterlebt.

Ja. Und da ist viel Verdrängung bei mir. Als Aids das traurige vierzigste Jubiläum feierte, sah ich im WDR den Dokumentarfilm ‚Silence=Death‘. Und ich war erschüttert! Da habe ich gemerkt, wie sehr ich das alles irgendwo in mir in den Koffer gepackt habe, um mich nicht mehr zu erinnern. Ähnlich wie bei Menschen, die den Krieg erlebt haben und nicht mehr daran denken wollen, ein Trauma. Dieser Film, wow, da krachte es über mir ein. Wäre auch ein Thema für einen Comic: Wie wir mit der Erinnerung daran umgehen. Es ist schwer, solche Themen mit Humor anzugehen, aber in „Super Paradise“ ist es mir auch gelungen. 

Mit der Aidskrise kam eine massive Homophobie auf. Aus der CSU gab es die Forderung, Kranke „abzusondern“. Gleichzeitig hat Aids das Thema Schwulsein überhaupt erstmal in den Mainstream gebracht. Was hat all das politisch bewirkt?

Es gab zum Glück nicht nur Peter Gauweiler, der „absondern“ wollte – sondern auch Rita Süßmuth von der CDU, die auf weniger Hysterie und mehr Aufklärung gesetzt hat und damit zu einer echten Ikone wurde. Und die schwule Community hat die leidvolle Erfahrung zusammengebracht und solidarisch stark gemacht. Es dauerte anders als bei Corona ja ewig lange, bis das Problem überhaupt von der Politik beachtet wurde. Waren ja nur Schwule, Fixer und Prostituierte, die starben! Die kriegen halt Aids, selbst schuld! Nein, wir mussten uns damals selber helfen, also wurden Vereine und Initiativen gegründet, die erkrankten Männern geholfen haben. Überall sah man verzweifelte junge Männer mit diesen eingefallenen Wangen. Ich hab das sehr viel schlimmer in Erinnerung als Corona, wirklich.

Vom Safer-Sex-Comic zum „Kondom des Grauens“

Was haben Sie selbst damals gemacht?

Ich hatte gerade mein Coming-out hinter mir, ich wollte gerade Spaß haben. Ich war immer ein sexueller Mensch, und dann war da auf einmal dieses Virus. Und die Angst. Man wusste ja gar nicht: Wie kriegt man das? Durch Küssen, durch Atmen? Dann kam das Gesundheitsamt auf mich zu, ob ich nicht die Safer-Sex-Regeln mit Comics unters Volk bringen könnte.

Und dann habe Sie ausgerechnet das „Kondom des Grauens“ erfunden, ein Monster-Kondom, das Penisse frisst?

Nein, das kam Jahre später, als Reaktion. Erstmal habe ich acht Broschüren gemacht, die umsonst in schwulen Kneipen und Saunen auslagen. Da ging es um Safer Sex um den Gebrauch von Kondomen. Alles zielte aufs Kondom, das war die heilige Kuh, aber es gibt viele Männer, die können keine Kondome benutzen, weil das für sie nun mal nicht geil ist. Ich bin einer davon. Man kann auch sehr gut Safer Sex machen ohne die angeblich gefühlsechten Gummidinger. Ich habe dann später „Kondom des Grauens“ gezeichnet, wohl als Gegenreaktion, aber der Zusammenhang war mir damals gar nicht bewusst.

„Ich hatte Glück“: Ralf König über seine HIV-Infektion

Haben Sie selbst erlebt, dass Freunde gestorben sind?

Ich habe viele Bekannte und einen sehr guten Freund verloren. Das war eine traumatische Erfahrung. Vorher starb mal ein Onkel oder die Oma, nun starben Jungs, die so jung waren wie ich. Ein Freund, einer meiner besten, starb über Monate – und ihn da so jämmerlich krepieren zu sehen … Ich weiß schon, was ich in den Koffer gepackt und verdrängt habe.

War das ein Freund, bei dem Sie nicht nur Angst um ihn haben mussten, sondern auch um sich selbst?

Wir hatten keinen Sex, das war einfach nur ein Freund. Nichtsdestotrotz hatte ich damals auch mein positives Testergebnis. Kurz nach seinem Tod. Das war natürlich ein Schock.

Sie hatten „damals“ einen positiven HIV-Test? War der falschpositiv?

Nein, nein, ich bin positiv. Aber dann kamen die besseren Medikamente. Ich hab verdammtes Glück gehabt. Ich war auch nie krank, nur positiv getestet.

Also – das wusste ich nicht.

Ich hab das damals auch bewusst nicht öffentlich gesagt, weil ich keinen Bock hatte, in den Talkshows der arme positive Schwulenpromi zu sein. – Nun gucken Sie mich nicht so betroffen an! Wir reden von den 90er Jahren! Ich nehme seit Jahrzehnten jeden Morgen zwei kleine Pillen und alles ist gut. Heute ist man mit HIV durch die Medikamente nicht mal mehr infektiös. Ich hatte großes Glück. Mein Freund hatte es nicht. Ach, ich hätte das gar nicht erwähnen sollen, jetzt knüppelt das Thema alles andere nieder, worüber wir bisher gesprochen haben. Ist da noch eine fröhliche Frage zum lustigen Buch auf Ihrem Zettel?

Vielleicht diese: Ihre Figur Konrad ist ein langer, schmaler und erwachsener Typ und sein Freund Paul ein lustiger Kindskopf. Wie viel Ernie und Bert stecken in den beiden?

Interessanter Gedanke, da man Ernie und Bert ja auch im Verdacht hat, ein Liebespaar zu sein, kann es sein, dass da unbewusst was mitschwingt. Ok, jetzt, wo Sie’s sagen … Konrad guckt wegen Paul oft genauso genervt wie Ernie!

Und wie viel Ralf König steckt in den Zweien? Fühlen Sie sich einem näher? Verteilen Sie Ihre Persönlichkeit auf zwei Figuren?

Die beiden Charaktere sind tatsächlich zwei Seelen in meiner Brust, im Sommer war ich immer der Party-Typ und in den dunklen Monaten eher der zurückgezogene, der etwas winterdepressiv lieber auf dem Sofa bleibt und ein gutes Buch liest. Wobei ich sagen muss, dass sich der Konrad in mir mit dem Älterwerden mehr und mehr durchsetzt. Was ich noch nicht so richtig gut finde. Das hab ich mir nun eingebrockt: Ich hab nicht nur meine eigene Midlifecrisis zu schieben, sondern auch noch die meiner Knollennasen!

TEASER-FOTO: Ralf König/Ehapa Comic Collection
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