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50 Pfund Ehre und kein Gramm mehr

homo.net Info vom 8. Juli 2021
von Webmaster Jan

 

Der englische Mathematiker und Kriegsheld Alan Turing (1912 - 1954) war einer der brillantesten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Jetzt ziert sein Konterfei die neue britische 50 Pfund Note, pikanterweise in Rosa, denn Alan Turing war homosexuell.

Die Banknote ist der zu späte Versuch einer symbolischen Wiedergutmachung an nur einem der vielen unschuldigen Opfer staatlichen Unrechts. Zwischen 1885 und 1967 wurden etwa 75.000 Männern in Großbritannien nach jenem schändlichen Gesetz verurteilt, das auch Oscar Wilde ins Gefängnis brachte. Sie alle verdienen Begnadigung nicht wegen irgendwelcher hervorragenden Begabungen oder Leistungen, sondern ganz einfach weil sie nichts Unrechtes getan habe.

Die Verschlüsselungsmaschine Enigma wurde im Zweiten Weltkrieg von fast allen deutschen Behörden zur Verschlüsselung ihres geheimen Nachrichtenverkehrs verwendet. Ihr Code galt als nicht entschlüsselbar, bis Alan Turing den ersten programmierbaren Computer der Welt baute und damit den Code knackte.

Anschließend war er maßgeblich daran beteiligt, auch die Entschlüsselung geheim zu halten. Niemand sollte erfahren, dass Enigma geknackt war. Dazu musste er fatalerweise mit mathematischen Statistiken über Leben und Tod von Tausenden entscheiden. Er stellte dazu lapidar fest: „Bin ich Gott? Nein. Weil Gott den Krieg nicht gewonnen hat. Wir waren es.“ Und weiter fragte er sich: „Was bin ich? Bin ich eine Maschine? Bin ich eine Person? Bin ich ein Kriegsheld? Bin ich ein Verbrecher?“

Die Welt wurde ein unendlich viel besser Ort, gerade weil Turing wie eine Maschine dachte. Oder dachte die Turing Maschine wie er? 1950 formulierte er aus diesen Gedanken den nach ihm benannten Turing Test.

Seine Leistung verkürzte den Zweiten Weltkrieg um schätzungsweise zwei Jahre. Er rettete damit etwa 14 Millionen Menschen das Leben. Nach dem Krieg legte er das Fundament für die weitere Entwicklung von Computern und künstlicher Intelligenz und lieferte nebenbei mathematische Grundlagen für die Biologie.

Anerkennung erfuhr er dafür zeitlebens nicht. Die Öffentlichkeit erfuhr erst in den 1970er-Jahren, dass der Enigma-Code im Krieg geknackt worden war. Da wäre Alan Turing eigentlich gerade mal 60 Jahre alt gewesen.

Aber er war schon lange tot. Denn 1952 hatte die Polizei von seiner Beziehung zu einem Mann erfahren. Ein britisches Gericht verurteilte ihn wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“. Um dem Gefängnis zu entgehen, akzeptierte Turing eine Hormontherapie. Sie sollte seinen Sexualtrieb hemmen und ihn so von seiner Homosexualität heilen. Er, der sozial so naiv war, dass er aus seiner Liebe zu Männern nie ein Geheimnis gemacht hatte, empfand das als schrecklich und demütigend.

Zwei Jahre später nahm er sich im Alter von 41 Jahren mit Zyanid das Leben. Die angeordnete Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen hat ihn depressiv und fett gemacht, hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand gebracht.

Fast 60 Jahre sollte es dauern, bis Alan Turing offiziell rehabilitiert wurde. Erst 2009 entschuldigte sich der damalige Premierminister im Namen der britischen Regierung für das Unrecht, das Turing widerfahren war.

Selbst 2011 wurde eine Begnadigung noch abgelehnt. Erst nach einer von 37.000 Menschen unterzeichneten Petition sprach Königin Elisabeth II 2013 endlich eine allzu späte königliche Begnadigung aus.

2016 kündigte die britische Regierung das „Alan Turing Gesetz“ an um die rückwirkende Entlastung auch auf andere Männer auszudehnen, die wegen ähnlicher „Straftaten“ verurteilt worden waren. Im folgenden Jahr wurden 49.000 Männer posthum begnadigt. Eine Entschädigung werden sie alle nicht bekommen und seien es auch nur 50 Pfund.

So ehrt nur ein noch immer ehrloser Staat
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

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