Einen Moment...

Schwuler Meister ohne Titel

homo.net Info vom 26. November 2020
von Webmaster Jan

 

„Es gibt Leute, die sind viel besser als ich.“ Trotzdem hat Udo Walz den Beruf des Friseurs besetzt wie kein Zweiter. Über 50 Jahre hat er die Prominenten und Schönen erst frisiert, dann frisieren lassen. Jetzt ist er im Alter von 76 Jahren in Berlin gestorben.

Früh schon merkte Udo Walz, dass er schwul war. Da liebte er gerade ein Mädchen, war bereits verlobt und verließ sie Knall auf Fall am Heiligabend - für einen Mann. Damals war Liebe unter Männern noch strafbar. Regelmäßige Razzien in Schwulenbars waren an der Nachtordnung. „Mir war das wurscht“, meinte er im Interview, wurscht wie so vieles. Was ihn nicht berührte, kümmerte ihn wenig.

„Das Leben ist keine Generalprobe.“ Udo Walz lebte immer im Heute. Er glaubte an das Hier und Jetzt. Jeden Tag im Salon, außer sonntags und montags natürlich, kreierte er eine eigene Produktlinie, veröffentlichte mehrere Bücher, moderierte eine Talkshow, trat in etlichen Fernsehsendungen auf und gab jede Menge Interviews. Alles ohne Stress: „Ich bin stressfrei. Stress kenne ich nicht. Wenn jemand sagt, ich hab Stress, dann wüsste ich gerne mal, wie das ist.“

Nur allein sein konnte er schlecht. Seine Freunde sollten möglichst immer um ihn sein. Montags konnte man ihn in Gesellschaft im Café Kranzler am Kurfürstendamm treffen. Dort gab es Bouletten und andere Hausmannskost. Maultaschen waren seine Leibspeise. Er verleugnete seine einfachen, schwäbischen Wurzeln nicht. Gerne hielt er seine Freunde aus, weil er es nicht alleine aushielt.

Er genoss die Popularität. Beim Besuch im Kaufhaus des Westens brauchte er oft Stunden, um die legendäre 6. Etage mit den Delikatessen zu erreichen. Zu viele Fans erkannten ihn und wollten ein Bild mit ihm machen. Er hatte für alle Zeit, solange bis seinen Freunden der Magen so laut knurrte, dass sie ihn nach oben in den legendären Berliner Fresstempel zerren mussten.

Häufig sollte und wollte er seine Meinung sagen. Die hatte immer Nachrichtenwert. 2004 meinte er mal der Fernsehsendung „Alles Liebe V. I. P.“: „Auch wenn ich mir jetzt Feinde schaffe: Ich finde, zwei Männer können nicht heiraten. Heiraten hat ja auch mit Kindern und mit Fortpflanzung zu tun.“ Schon überschlugen sich die Schlagzeilen: „Überraschend! Schwuler Star-Friseur Udo Walz lehnt Ehe für alle ab.“ Da war er 60. Vier Jahre später heiratete er dann doch seinen langjährigen Lebenspartner Carsten Thamm (50). 27 Jahre lebten die beiden zusammen, erst als Freunde, dann in wilder Ehe und dann bis zum Schluss mit Trauschein.

Mit 14 Jahren ging Udo in die Lehre nach Stuttgart. Natürlich fiel sein Talent sofort auf. Aber bei der Gesellenprüfung wurde er unter 600 Lehrlingen der drittletzte. Sein Lehrherr war maßlos enttäuscht. Nur weigerte sich der Lehrbub, all die langweiligen Techniken zu lernen, die er sowieso ablehnte: Perücken knüpfen, Dauerwellen, das war nicht sein Ding. „Dafür war ich viel zu faul“, gab er selber zu.

Aber im Toupieren, da war er spitze. In den 1960er-Jahren wurden die Frisuren höher und höher. Er trieb sie auf die Spitze, war der Meister ohne Meisterbrief. Auch für den war er zu faul. „Ich bin nicht ehrgeizig“, sagte er über sich. Trotzdem wurde er von den Berlinern zum regierenden Friseurmeister von Berlin befördert.

Udo Walz war wirklich eine faule Socke, bestätigen auch viele seiner Freunde. Aber er hatte das Talent, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. So wanderte er gleich nach der Lehre nach Zürich aus, wurde schon ein Jahr später nach St. Moritz empfohlen. Sehr bald ließ dort eine Marlene Dietrich bei ihm einen Termin machen. Da fragte er seine Mutter ganz naiv, ob sie eine Marlene Dietrich kenne. Mama kannte sie, natürlich. Als die Frisur fertig war, wurde er vom Friseur zum Star Coiffeur. Der Meistertitel kam viel später auch: ehrenhalber.

Zur Bundeswehr wollte er nicht. Auch dafür war er ... Deshalb zog er nach Berlin. Damit war das Thema Militär ausgestanden, denn in West Berlin gab es damals ja keine Wehrpflicht. Berlin gefiel ihm. Er blieb für immer. Mitte zwanzig schon machte er sich dort selbstständig.

Am Ende hatte er 100 Angestellte. Die fanden ihren Chef toll. Nicht nur die Kunden liebten Udo Walz, seine Mitarbeiter liebten ihn auch. Er hat sie alle persönlich eingestellt.

„Ich mache seit 35 Jahren erfolglos Diät. Aber inzwischen ist mir das wurscht.“ Die Kuchen im Café Kranzler waren einfach zu verlockend. Er riet übergewichtigen Männern zu weiter, offener Kleidung, wie er sie selber trug. Sie hat die Fettpolster versteckt. Seinen Diabetes konnte er letztlich nicht verstecken. Er brachte ihn erst in den Rollstuhl, dann ins Koma. Am Ende hat der Zucker gesiegt.

Seine Salons und seine Mitarbeiter werden bleiben. Alleinerbe Carsten Thamm will die Walz Salons weiterführen. So kann auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) weiter zu ihrem Stammfriseur gehen. Denn seit 18 Jahren ist sie bei Walz Kundin. Alle 14 Tage genießt sie die diskrete Auszeit vom Regieren im Salon Walz, trinkt Tee, blättert in Illustrierten wie jede andere Frau. Gerne plauderte sie mit dem Chef. Das fällt jetzt weg.

Hat Udo Walz die Merkel verändert? Keine Frage. Dank sozialer Medien gibt es von ihr ein Video mit jährlichen Porträts von 1955 bis heute. Als Baby brauche sie noch keinen Friseur, danach hätte sie viele Jahre dringend einen gebraucht. Noch mit 48 sah sie abwechselnd wie ein Pilz oder wie ein Besen aus, mal länger, mal kürzer, aber immer verheerend.

Dann kam sie zu Udo Walz. Seither ist ihre Frisur kein Thema für die Klatschpresse mehr. Klassisch, unauffällig, aber mit viel Volumen, das war immer ein Markenzeichen von Udo Walz. Merkel ist da keine Ausnahme. Dezent frisiert ist sie aber eine Ausnahme unter den Mächtigen der Welt. Ihre Frisur ist seit 18 Jahren kein Diskussionsthema im Boulevard und keine Vorlage für Karikaturen.

So soll es sein. So war auch das Leben des Udo Walz: Der klassische, schwule Friseur, auffällig bescheiden und mit viel Volumen. Viele werden ihn vermissen.

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