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Wovon man nicht sprechen kann

homo.net Info vom 28. Oktober 2021
von Webmaster Jan

 

Vor hundert Jahren erschien „Tractatus“. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951) schrieb dieses schmale Büchlein vor und während des 1. Weltkriegs. Große Teile des Werkes entstanden im Schützengraben. Gewidmet hat er es dem Gedenken an seinen langjährigen Mitarbeiter, Freund, Geliebten und Lebensgefährten David Pinsent (1891 - 1918).

Im Vorwort schreibt Wittgenstein: „Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Beide Sätze sind wahr. Kaum ein philosophisches Buch ist so klar, einfach und übersichtlich geschrieben wie die „Logisch-philosophische Abhandlung“, so der Originaltitel der Erstausgabe.

Man kann es in wenigen Stunden lesen. Man kann sich ein Leben lang daran abmühen. Man kann durchaus an ihm verzweifeln. Tractatus ist bis heute die Bibel der strengen Philosophie. Viele Logiker behaupteten von sich, sie hätten vom Tractatus nicht eine Zeile verstanden. Andere versetzt seine Lektüre in Ekstase. Sie sprechen von der größten Revolution in der gesamten abendländischen Philosophie.

Eine Revolution war Tractatus durchaus. Wittgenstein wollte alle philosophischen Probleme ein für alle Mal lösen. Er unterschied dabei nicht zwischen richtig und falsch; wahr und unwahr; sondern zwischen sinnvollen Sätzen und sinnlosen.

Unbescheiden schreibt er im Vorwort: „Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben.“ Doch wusste Wittgenstein auch, „wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind.“ Das letzte Kapitel enthält nur den einen viel zitierten Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“

Konsequent zog er sich nach seinem Erstlingswerk aus der Philosophie zurück, wurde Volksschullehrer, Gärtner und Architekt. Aus Wien stammend, aus einer steinreichen jüdischen Industriellenfamilie, machte ihn sein Erbe zu einem der reichsten Männer der Welt. Er verschenkte alles.

Erst Jahrzehnte später wandte er sich wieder der Philosophie zu, wurde Professor und verbrachte den überwiegenden Rest seines Lebens mit dem Versuch, sich selbst zu widerlegen. Publiziert hat er all das zu Lebzeiten nicht mehr.

Erstaunlich an Wittgensteins Biografie ist, dass bis heute weite Teile der philosophischen Fachwelt seine Homosexualität standhaft leugnen. Dabei ist sie bestens belegt. Seine in einer Geheimschrift geschriebenen Tagebücher sind inzwischen alle entschlüsselt. Auch die Tagebücher seines geliebten David sind publiziert und eindeutig. Er lernte ihn als Student 1911 Cambridge kennen und lieben. Nach dessen Tod fand er recht bald zwei neue Liebhaber unter den Studenten in Cambridge.

William W. Bartley (1934 - 1990) veröffentlichte 1973 eine Biografie des Philosophen. Auf wenigen Seiten behandelte er auch Wittgensteins Homosexualität. Hauptsächlich stützte er sich auf Reportagen von Freunden und Bekannten des Philosophen. Diese wenigen Seiten verursachten enorme Kontroversen in intellektuellen und philosophischen Kreisen. Viele empfanden sie als posthumen Angriff auf Wittgenstein. Einige Übersetzungen erschienen sogar ohne das für viele anstößige Material.

In seinen dunklen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg soll Wittgenstein wie von einem Dämon gepeitscht aus seinem Zimmer gerannt sein, um auf den Wiener Praterwiesen oder in britischen Pubs nach derben jungen Männern zu suchen. Die Namen seiner Informanten gab Bartley niemals preis. Wittgensteins sexuelle Orientierung ist inzwischen zweifelsfrei belegt. Aber die wilde Jagd auf junge Männer wurde möglicherweise von Bartley frei erfunden. Oder auch nicht, wir wissen es nicht. Aber ahnen können wir es schon.

Auf dem Totenbett soll Wittgenstein gesagt haben: „Ich hatte ein glückliches Leben.“ Ist es nicht wahr, so ist es doch gut erfunden. Denn das wundersame Genie soll auch einmal gesagt haben: „Ich habe glücklich gelebt, wenn mir Großes gelungen ist.“ Gelungen ist ihm das in der Tat.

Der Rest ist Schweigen
Jan
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vom homo.net Team

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