Ich bin schwul – und das ist wurscht
homo.net Info vom 16. Juli 2026
von Webmaster Jan
Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Hoffentlich diesmal ohne Wahlchaos. Vor fünf Jahren fehlten Stimmzettel, etliche Wahllokale mussten schließen, bevor alle gewählt hatten. Gleichzeitig sorgte der Berlin-Marathon für zusätzliches Verkehrschaos. Die Wahl musste schließlich 2023 vollständig wiederholt werden.
Nun steht die nächste Richtungsentscheidung an. Fest steht nur eines: Der bisherige Regierende Bürgermeister Kai Wegner (53, CDU) wird seine Partei nicht mehr als Spitzenkandidat in die Wahl führen. Nach seinem Rückzug übernimmt Finanzsenator Stefan Evers (46, CDU).
Stefan Evers lebt offen schwul und ist mit einem Mann verheiratet. Den meisten Berlinern ist er kaum bekannt. Der gelernte Verwaltungsexperte und Finanzfachmann arbeitete lieber im Hintergrund als auf der Bühne der großen Politik.
Vor einem Vierteljahrhundert tickte die Politik anders. Als Klaus Wowereit (72, SPD) mit dem Satz „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ vor die Presse trat, war das eine politische Sensation. Seine Worte machten weltweit Schlagzeilen. Wowereit wurde nicht nur Regierender Bürgermeister, sondern prägte Berlin mehr als 21 Jahre lang – und veränderte den Blick vieler Menschen auf homosexuelle Politiker.
Diese Ära endete erst mit der Wiederholungswahl 2023. Das Wahlchaos von 2021 hatte das Vertrauen der Berliner in den rot-grün-roten Senat erschüttert. Kai Wegner nutzte den Frust der Wähler, führte die CDU zum Wahlsieg und beendete nach mehr als zwei Jahrzehnten die SPD-Herrschaft im Roten Rathaus.
Doch die Euphorie hielt nicht lange. Aktuelle Umfragen sehen die CDU abgestürzt. Wegners Rückzug gilt als Versuch, seiner Partei kurz vor der Wahl noch einmal neuen Schwung zu verleihen.
Von klaren Mehrheiten ist heute nichts mehr zu sehen. Die Umfragen gleichen einem einzigen Patt. Zwischen den fünf im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien liegen nur wenige Prozentpunkte. Schon kleine Verschiebungen können darüber entscheiden, wer am Ende Berlin regiert.
Ob Stefan Evers der CDU tatsächlich neuen Schwung verleihen kann, wird sich erst am Wahlabned zeigen. Niemand hat ihn wegen seiner sexuellen Orientierung zum Spitzenkandidaten gemacht. Vermutlich wird ihn auch niemand deshalb wählen oder ablehnen. Entscheidend wird sein, ob die Berliner ihm zutrauen, die Hauptstadt besser zu regieren.
Vielleicht ist der größte Fortschritt, dass Stefan Evers nicht mehr erwähnen muss, dass er einen Mann liebt.
Ein schwuler, verheirateter Politiker ist in Deutschland so normal geworden, dass weder er selbst noch seine Partei noch seine politischen Gegner daraus ein Thema machen. Seine sexuelle Orientierung ist schlicht Privatsache. So soll es sein – und das ist auch gut so.
Wir geben die Hoffnung nicht auf
Jan
Webmaster
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