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Magische Liebe

homo.net Info vom 21. Januar 2021
von Webmaster Jan

 

„Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun.“ Das Traumpaar Siegfried & Roy ist nicht mehr. Diese Woche starb Siegfried Fischbacher (1939-2021) im Alter von 81 Jahren in Las Vegas, Nevada. 60 Jahre waren er und Uwe Ludwig Horn (1944-2020), Alias Roy, ein unzertrennliches Paar, bis dass der Tod sie scheide. Jetzt sind die weltbekannten Zauberkünstler und Dompteure endgültig Geschichte. Was für eine Liebesgeschichte!

Als jung Siegfried Rosenheim mit dem Vorsatz verließ, so weit weg wie möglich, hatte er bereits Teppiche weben gelernt. Ein paar magische Kunststückchen hatte er sich schon mit 8 Jahren beigebracht. Damit gewann er die Achtung seiner Mitschüler, besonders aber die Aufmerksamkeit seines versoffenen Vaters, ein Kriegsveteran und Haustyrann. Seine Mutter zum Abschied: „Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie mehr wiederkommen.“

Etwa zur gleichen Zeit brach im hohen Norden der Bundesrepublik der fünf Jahre jüngere Roy vorzeitig die Schule ab und verließ bald drauf sein Heimatstädtchen Nordenham. Auch er wollte nicht weiter seinen ebenfalls alkoholkranken Vater ertragen. Der hoffnungslose Tiernarr Roy ging gemeinsam mit seinem besten Freund, dem Geparden Chico, auf Reisen. Er fing ganz von unten an und wurde Page auf einem Schiff. Nachdem 1959 die „Bremen“ zu einem wahrlich luxuriösen Passagierdampfer umgebaut worden war, schmuggelte unser Page seinen Geparden mit aufs Schiff, als er dort zur Jungfernfahrt anheuerte.

Auch Siegfried trat bei dieser Fahrt seinen Dienst als frisch gebackener Steward an. In den Pausen unterhielt der fesche Steward die Reisenden mit seinen Zaubertricks. Er ließ Münzen verschwinden und zog ein weißes Kaninchen aus dem leeren Zylinder. Bald wurde er vom Kellner zum Unterhaltungskünstler befördert. Als er für seine Tricks eine Assistentin brauchte, fiel sein Blick auf den immer fröhlichen Roy. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Roy schlug vor, das weiße Kaninchen gegen die Raubkatze auszutauschen, die er in seiner Koje versteckte. Siegfried war entsetzt, er hatte ja schon vor Hunden Angst. Wie konnte Roy es wagen, ein so exotisches und gefährliches Biest auf das Schiff zu schmuggeln? Wenn der Kapitän davon Wind bekäme, würde er sie beide sofort rausschmeißen. Roy kannte das Zauberwort der Verführung: Das Publikum wäre bestimmt begeistert, wenn statt des gewöhnlichen Kaninchens eine exotische Wildkatze auf der Bühne erscheinen und wieder verschwinden würde.

Die Zuschauer feierten den Raubkatzentrick mit Beifallsstürmen. Der Kapitän war wie erwartet sauer und feuerte Zauberer und Katze noch am selben Abend. Wie das Leben so spielt, der Eigentümer der Reederei saß zufällig mit im Publikum. Der war hellauf begeistert. Aus der Bühnenpartnerschaft wurde schnell eine Lebensgemeinschaft. Wieder an Land tingelten die beiden durch Varietétheater, Stripteaseschuppen und Nachtklubs.

Es folgte ein Engagement in Genf und der jährliche Ball des Roten Kreuzes im Casino von Monte Carlo. Im Publikum: der Fürst und seine Gattin Grace Kelly, Sophia Loren, Cary Grant, Maria Callas und Elizabeth Taylor. Der Auftritt wurde fast zum Desaster. Gepard Chico sprang am Ende der Show von der Bühne in den Saal und lief schnurstracks in die Küche. Ihm auf den Fersen ein wie immer fröhlich winkender Roy, der ganz so tat, als gehöre der Abgang zum Programm. Das Publikum jubelte und bedankte sich mit stehenden Ovationen.

Das beste Revuetheater Europas, das Lido, engagierte die beiden vom Fleck weg. Dreieinhalb Jahre traten sie in Paris auf. Dann ging es in die Welthauptstadt der Live-Unterhaltung: Las Vegas. An diesem öden Flecken mitten in der Wüste kämpften sie sich gemeinsam durch. Im Spieler*innenparadies von Nevada wurde aus der Lebensgemeinschaft eine Schicksalsgemeinschaft, denn den Jubel des Publikums gab es nicht umsonst und nur gemeinsam.

12 Jahre sollte es dauern, bis sie endlich ihre eigene 100-minütige Show hatten. Ihre Show „Beyond Belief“ auf Deutsch „Unglaublich“ spielten sie 3.538-mal vor immer ausverkauftem Haus.

1990 wurde das Miragehotel eröffnet, mit eigenem Resort und dem Siegfried & Roy Theater mit 1.504 Sitzplätzen. Alleine die Produktion der Show kostete über 50 Millionen Dollar. Aus London und New York kamen die besten Choreografen, Bühnenbildner und Kostümdesigner. Michael Jackson komponierte und sang für die Show den Song „Mind Is The Magic“, auf Deutsch etwa „Gedanken sind wie Magie“. Er revanchierte sich damit für die magische Zusammenarbeit bei seiner „Bad World Tour“. Bei der Show wirkten mehr als 60 Personen mit und natürlich diverse Tiere, darunter alleine 27 weiße Tiger. Auch ein Elefant verschwand spurlos auf offener Bühne.

Das Ergebnis war eine einmalige Mischung aus Show, Magie und großer Oper. Die Inszenierung zog eine halbe Million Zuschauer im Jahr an und machte Las Vegas für eine neue Klientel attraktiv. Plötzlich kamen Familien mit Kindern, Yuppies und junge Paare für einen Kurzurlaub, um die Zauberer zu sehen. Die Zahl der jährlichen Vegas Besucher verdoppelte sich seit Beginn der Siegfried & Roy Show 1990 von 18 auf 36 Millionen. Damit brachen die beiden alle Zuschauer-, Gagen- und Einnahmerekorde in der Geschichte der Stadt, ja in ganz Amerika.

Die Familienfreundlichkeit der Show hatte ihren Preis. In Las Vegas angekommen, verzichteten Siegfried & Roy grundsätzlich auf sonst übliche frivole Showelemente. Keine nackten Busen, keine erotischen Einlagen störten den Familienausflug. Auch ihre Homosexualität behielten sie für sich. Was im Schlafzimmer ihres gigantischen Anwesens mitten in der Wüste vor der Stadt geschah, ging niemand was an.

Am 59. Geburtstag von Roy wurde der magische Traum zum Albtraum. Während der Show erlitt Roy einen leichten Schlaganfall. Sein weißer Lieblingstiger Montecore (1997-2014) packte ihn am Nacken und schleppte ihn in Sicherheit. Was bei Tigerwelpen bestens funktioniert, geht beim Menschen fraglos nicht. Nach schwerem Blutverlust, mehreren Schlaganfällen und einer Gehirnoperation erholte Roy sich nie mehr vollständig, blieb halbseitig gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen.

Es kursierten die wildesten Theorien, wieso der zahmste Tiger der Welt plötzlich seinen Dompteur angriff. Das mit großem Abstand übelste Gerücht war schon damals Fake News: Ein fanatischer Schwulenhasser habe den Tiger mit einem Laserpointer gereizt und aggressiv gemacht.

Die Show war vorbei. Aber die Partnerschaft hielt. Siegfried und Roy blieben zusammen, in guten wie in schlechten Zeiten. Auch Montecore gehörte weiter zur Familie. Roy liebte ihn unvermindert. Ab 2007 liebten sich die beiden Männer endlich nicht mehr heimlich. Jetzt durfte die ganze Welt erfahren, dass sie nicht nur beruflich, sonder auch privat ein Paar waren. Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung 2009 standen sie noch einmal gemeinsamen mit Montecore auf der Bühne. Magier Roy ließ seinen Siegfried erst aus dem Feuer erscheinen und verwandelte ihn dann in einen weißen Tiger.

Fünf Jahre später starb der Tiger Montecore eines natürlichen Todes. Vor neun Monaten erlag Roy einer Covid Infektion. Siegfried sagte nach seinem Tod: „Von dem Moment an, als wir uns trafen, wusste ich, dass Roy und ich zusammen die Welt verändern würden. Es könnte keinen Siegfried ohne Roy und keinen Roy ohne Siegfried geben.“

Was 1960 auf der „Bremen“ begann, sollte in den folgenden 60 Jahren eine der bekanntesten, erfolgreichsten und unerschütterlichsten Partnerschaften werden. Alleine wären sie austauschbar gewesen. Als Paar eroberten sie die Welt und brachen dabei sämtliche magischen Rekorde. 60 Jahre waren sie ein unzertrennliches Paar, privat und auf der Bühne.

Jetzt ist auch Siegfried Fischbacher von uns gegangen. Eine großartige Liebesgeschichte, zwei märchenhafte Lebensgeschichten mit magischen Charakteren finden ihr friedliches Ende. So viel Liebe braucht die Welt nicht nur bei schwulen Männern.

Berührt von so viel Liebe
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

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