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Nicht alle sind queer!

homo.net Info vom 25. April 2024
von Webmaster Jan

 

Immer öfter bezeichnen sich Heteros in den unsozialen Medien als queer. Sie benutzen den Begriff als Maske, die man sich einfach vorhalten kann. Nicht, dass damit eine Identität verbunden wäre; es reicht die queere Ästhetik. Die mediale Aneignung geht inzwischen so weit, dass es „Straight-Queer Masculinities“ zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht hat. Wesentlich ausführlicher wird das in der englischsprachigen Wikipedia unter „Queer Heterosexuality“ diskutiert

Dazu gehören nicht nur Hetero-Männer, die sich den klassischen männlichen Rollenbildern nicht anpassen wollen, die sich für LGBT engagieren oder mit schwulen Verhaltensweisen kokettieren. Metrosexuelle wählen Mode, Stil und Kleidung, die traditionell als unpassend für Männer gelten, bis hin zur Hetero-Tunte.

Als queer zum Sammelbecken für sexuelle Außenseiter wurde, begann die Aneignung des Begriffs im akademischen Diskurs, der das stark negativ konnotierte Wort ins Positive wendete. Das war schon damals problematisch, denn die ursprüngliche Bedeutung des englischen Wortes queer war bis dahin ausschließlich negativ besetzt: seltsam, eigenartig, merkwürdig, sonderbar, verdächtig, fragwürdig, zweifelhaft, eigen, eigenartig, absonderlich, ungewöhnlich. Langsam, aber unaufhaltsam eroberte die LGBT-Community den Begriff für sich.

Und dann kam der Sündenfall. Mit der Einführung beliebiger Geschlechterkategorien reichte auch LGBT nicht mehr aus und wurde immer und immer wieder erweitert, bis ein Buchstabensalat entstand, von dem die meisten nicht mehr wussten, was er bedeutet. Oder kennst Du viele, die mit LSBTTI+ oder LGBTQIAP+ ohne HomoLex noch etwas anfangen können?

Als dann noch das Plus für „viele andere mehr“ und das Sternchen für „alle anderen auch“ hinzukamen, kam es endgültig zum Dammbruch. Queer wurde zum beliebigen Etikett statt zum Sammelplatz der sexuellen Außenseiter.

Diese Außenseiter sind keine homogene Gruppe, aber sie teilen spezifische Erfahrungen. Früher oder später merken sie, dass sie anders begehren und fühlen als die Menschen um sie herum. Von Spott, Ablehnung, Ausgrenzung, Diskriminierung über vermeintliche Krankheit bis hin zur Kriminalisierung einschließlich der Todesstrafe reicht die Reaktion der verblendeten „Gutbürger“. „Wie sage ich es meinen Eltern“, wird zum quälenden Dauerthema bis zum Coming-out und lange darüber hinaus.

In den virtuellen Räumen des Internets bedarf queer keiner weiteren Erklärung. Es ist eine der bekömmlichsten Optionen: exotisch, exzentrisch, trendy - und aseptisch. Denn um Sexualität geht es schon lange nicht mehr. Wenn ein Hetero sich für queer hält, weil er sich den kleinen Finger schwarz lackiert hat, oder wenn er auf einer Party zwei Lesben interessiert beim Knutschen zusieht, wird der Begriff zum hübschen, sauberen Kostüm, das die nach wie vor unerwünschte Sexualität verhüllt.

Sex und Sexualität spielen in dieser virtuellen Queerness kaum noch eine Rolle. Sexualität ist die schmutzige Praxis, für die man im Zweifelsfall im realen Leben noch gemobbt, verprügelt mitunter auch erstochen wird.

Wenn ein Begriff wie queer oft als oberflächliche Bezeichnung für Modetrends, folgenlose Tabubrüche und kokette Spielereien verwendet wird, führt dies letztlich zur Auflösung des Begriffs als eine politische Kategorie. Diese ist aber nach wie vor wichtig im Kampf um Rechte und Akzeptanz. Wenn wir nicht nach einem neuen Begriff suchen wollen, bleibt nur eine radikale politische Position der queeren Community:

Nicht alle sind queer!

https://HomoLex.com/Queer-Buchstaben-Baukasten.html

Weiterhin normal schwul
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

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