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Von Schwulen, Cocktails und Leichen

homo.net Info vom 15. Oktober 2020
von Webmaster Jan

 

1929, kurz vor Ende der Goldenen Zwanziger Jahre, dramatisierte der englische Schriftsteller Patrick Hamilton in seinem berühmt berüchtigten Theaterstück „Rope“ (Strick) einen Mord.

Die beiden Mörder sind Studenten, die einen Kommilitonen brutal ermorden. Sie begehen die Gewalttat als Kunstwerk und begründen die Tat mit ihrem Recht, als Übermensch minderwertiges Leben beliebig ausschalten zu dürfen. Geradezu süffisant klingt der deutsche Titel „Party für eine Leiche“, wenn wir bedenken, was bald darauf in Deutschland bittere Realität wurde.

Damals hatten englische Dramatiker Freiheiten, die in anderen Ländern noch viele Jahrzehnte fehlen sollten, besonders in Amerika: Die drei Hauptpersonen stehen in latenter homosexueller Beziehung zueinander.

1948 hat Alfred Hitchcock den Stoff verfilmt. Drei Jahre zuvor hatte er an einer Dokumentation über den Holocaust mitgearbeitet. In „Cocktail für eine Leiche“ setzte sich Hitchcock auch mit Nietzsches Theorie vom Übermenschen auseinander. Er lässt den zum gemeinsamen Mord verführenden Mörder zunächst äußerst sympathisch erscheinenden. Der sinniert über lebenswertes und nicht-lebenswertes Leben, eine bestürzende Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Das war der damaligen Filmzensur durchaus recht. Was aber ganz und gar nicht ging im amerikanischen Kino der Zeit, war die Darstellung latent schwuler Beziehungen. Die mussten raus, bis auf wenige, leichte Andeutungen. Die aber reichten, damit Weltstar Cary Grant seine Mitarbeit verweigerte, weil er mit Recht Nachteile für seine Karriere befürchtete, während der heimlich schwule Montgomery Clift aufgrund seines offenen Geheimnisses von der Besetzungsliste gestrichen wurde. Trotzdem konnte Hitch es nicht lassen: Die Mörder waren nach etlichen Umbesetzungen endlich beide schwul, mindestens im Leben, wenn auch heimlich und nicht im Film. Wer Hitchcocks „Rope“ nicht kennt - jetzt wird es aber Zeit!

Der US-amerikanische Autor Mart Crowley adaptierte 1968 „Rope“ als Vorlage für sein eigenes Schauspiel. Crowley ist bei uns eher für seine TV-Drehbücher für „Hart aber herzlich“ und den „Denver-Clan“ bekannt. 1968 stand die schwule Welt kurz vor ihrer größten Wende in der Geschichte der Menschheit, als Crowley das Theaterstück „Die Harten und die Zarten“ schrieb. Eine wild ausgelassene, schwule Geburtstagsparty nimmt einen höchst dramatischen Verlauf. Crowley schafft eine kuriose Partysituation, gay (fröhlich, lustig) im ursprünglichen, wahrsten Sinne des Wortes, die einen höchst dramatisch Verlauf nimmt. Da wird aus dem herben Humor des ersten Teils eine bitterböse Tragödie im zweiten Teil.

Off-Broadway wurde dieses erste große, offen schwule US-Theaterstück vor dem Mainstram diskret versteckt. Aber das Stück war ein Senstationserfolg, viele Berühmtheiten mischten sich unter die Zuschauern, darunter Marlene Dietrich, Groucho Marx, Rudolf Nurejew und Jackie Kennedy. Selbst der glamouröse Bürgermeister von New York gab sich die Ehre. Tausend und eine Nacht wurde das Stück gespielt und machte den Autor wie im Märchen weltberühmt.

Natürlich heizte auch Stonewall den Erfolg an. So wurden „Die Harten und die Zarten“ 1970 mit der originalen Theaterbesetzung verfilmt. Acht Gays und ein Hetero, der seine Frau mit schwulen Seitensprüngen betrügt, feiern über den Dächern der Upper East Side von New York erst ausgelassen, dann dramatisch Geburtstag. Keiner entkommt der brutalen Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Formal noch immer Straftäter, wenn sie lieben, werden Schwule in Gewissenskonflikte getrieben, die ihr ganzes Leben überschatten und bestimmen.

Der Originalfilm von 1970 ist eine wunderbare Darstellung schwulen Lebens der 1960-er Jahren, ein Kaleidoskop zwischen Unterdrückung der eigenen Sexualität und Akzeptanz des eigenen Ichs. Ausgerechnet der Gastgeber des bitterbösen Spiels bricht am Ende völlig zusammen unter Selbsthass und Selbstmitleid und sucht sein Heil im Glauben und im Schoße der Kirche. Zwischen Versteckspiel und gay Lifestyle, zwischen Verkleidung und Drag, zwischen brutaler, gewalttätiger Ablehnung und wilder Liebe torkelt der Film, besoffen wie die Partygäste, hin und her.

Das Drama hinter der Szene war noch größer als der Film selbst. Fünf der neun Darsteller sowie Regisseur und Produzent waren schwul. Keiner von ihnen konnte und durfte das öffentlich zugeben. Zu gefährlich für die eigene Karriere war schon die Tatsache, dass sie in einem offen schwulen Film mitspielten. So spielten Gays astreine Heten im Leben und Heteros Schwule im Film.

Wenn am Ende der einzige heterosexuelle Partygast, reumütig um Vergebung bittend, zu Frau und Kindern zurückkehrt, wird deutlich: Auch Heterosexualität ist keine freiwillige Wahl, keine Krankheit und genau so wenig heilbar wie Homosexualität.

Die Tragödie findet ihr Ende in der Wirklichkeit. Zwischen 1984 und 1993 starben alle sieben schwulen Hauptpersonen des Films an AIDS.

Fast Forward: 50 Jahre nach der Off-Broadway-Premiere gab es vor zwei Jahren eine Neuinszenierung des Stückes. Diesmal natürlich direkt am Broadway, in Starbesetzung, mit ausschließlich offen schwulen Darstellern. Die erste Generation schwuler Schauspieler, die offen und ehrlich von sich sagt: „Wir werden ein authentisches Leben führen.“ Allen voran Jim Parsons (47), weltbekannt als hetero Nerd Sheldon Cooper aus der Kult-Serie „The Big Bang Theory“.

Auch er kämpfte im wahren Leben mit seinem Coming-out: „Ich hatte keine Angst, schrullige Rollen auf der Bühne zu spielen, zu zeigen, wer ich bin und alle meine Gefühle zu offenbaren, aber ich hatte Angst zu enthüllen: ‚Ich bin schwul.‘“ Parsons outete sich erst im Alter von 31 Jahren öffentlich, nachdem über die Hälfte der Big Bang Theory schon abgedreht war. „Ich habe meine Sexualität erst entdeckt, als ich im College war. Meine engen Freunde und etliche Kollegen wussten Bescheid. Ihnen war es egal, wen ich liebte. Doch mit meiner Familie bin ich diesem unangenehmen Gespräch immer ausgewichen, bis es nicht mehr ging.“ Das Outing in seiner Familie war auch für ihn nicht leicht: „Ich will hier niemanden bloßstellen, aber diese Unterhaltung war nicht gerade lustig.“

Jetzt wurde auch die neue Theaterproduktion von „The Boys in the Band“ zum Film, diesmal auch in Deutschland unter dem originalen, englischen Titel. Wieder in der gleichen Besetzung wie auf der Bühne. Wieder mit den gleichen Dialogen, gleichem Set und gleichen Kostümen. Und wieder mit 8 ½ Schwulen. Doch welch ein gewaltiger Unterschied!

Ein Schwuler kann natürlich einen Hetero spielen, das haben sie Jahrhunderte lang geübt. Ein Hetero kann sehr wohl einen Schwulen spielen, dafür ist er Schauspieler. Aber gelingt es einem völlig offen lebenden Schwulen wirklich überzeugend, die gemischten Gefühle von Homosexuellen im Jahre 1968 darzustellen? Das Ambiente wird plüschiger, aufwendiger und schriller, die fast gleichen Kostüme modischer und schicker. Die hässliche, jüdische Schwuchtel mit Pockennarben wird diskret überschminkt und der Squaredance verkommt zum Musical Ballett mit Karaoke.

Natürlich darf der Film jetzt auch noch die letzten Tabus brechen. Während 1970 lediglich ein sehr schöner, weißer Arsch durchs Badezimmer blitzt, man ging damals selbstverständlich nur in großen Badehosen zum Schwimmen, ist dieser jetzt nahtlos gebräunt. Neu zugefügte Rückblenden geben nicht nur Gelegenheit zu noch mehr Plüsch und Plump, sondern der einzige Neger am Set darf auch Bruchteile einer Sekunde, liebestrunken daher schwimmend, seinen Schwanz vorzeigen. Das lohnt sich wohl kaum. Das Wasser des Pools scheint doch arg kalt zu sein.

Wer hautnah und authentisch die 1960-er Jahre erleben will, schaue die alte Fassung, wer sich besser unterhalten möchte, die neue. Wer den Film im englischen Original sehen und verstehen möchte, kommt an der Fassung von 1970 nicht vorbei. Damals haben alle Schauspieler, nicht nur die berühmten, wohl viel mehr Sprachunterricht genommen. Man versteht sie, mindestens als Ausländer, einfach besser.

Vieles hat sich in den 50 Jahren gewaltig verändert: Die Jungs dieser Gang sind die erste Generation schwuler US-Schauspieler, die offen sagen: „Wir werden ein authentisches Leben führen.“ Natürlich haben wir etliche Textpassagen des Stücks inzwischen völlig überwunden. Aus 1968 heißt es da: „Zeige mir einen glücklichen Homosexuellen und ich zeige dir eine schwule Leiche.“ Hurra, wir leben noch!

Wie brutal nicht akzeptierte Homosexualität war, ist und sein wird, zeigt der dramatische Schlussmonolog des pockennarbigen Geburtstagskindes: „Du bist ein trauriger, erbärmlicher Mann. Du bist ein Homosexueller und willst es nicht sein. Aber du kannst nichts tun, um dies zu ändern, nicht mit allen Gebeten an deinen Gott, nicht mit allen Analytikern, die du in all den Jahren noch anheuern kannst, die du noch zu leben hast. Vielleicht kannst du eines Tages ein heterosexuelles Leben führen, wenn du es dringend genug willst. Aber du wirst immer homosexuell sein, bis an den Tag, an dem du stirbst.“

Großes Drama, Apotheose des Films, aber noch immer grausame Realität für viele, die es bisher nicht oder nicht ganz aus dem Schrank geschafft haben, selbst für einen Jim Parsons, bis er 31 Jahre alt wurde und sich unsterblich in seinen heutigen Ehemann verliebt hatte. Wahrlich die Rolle seines Lebens.

Glücklich schwul und sehr lebendig
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

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