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Ein Stein am Strand

homo.net Info vom 7. August 2025
von Webmaster Jan

 

„Deafman Glance (Der Blick des Tauben)“ ist fast unmöglich zu beschreiben – die „Oper ohne Worte“ vereint Elemente von Tanz, Pantomime, Happening, lebenden Bildern, Farce und mittelalterlichem Mysterienspiel.

Nichts war mehr wie vorher, nachdem 1971 Robert Wilson (1941–2025) mit seiner siebenstündigen „Oper ohne Worte“ im europäischen Theater einschlug. Nie zuvor hatte eine endlos langsam niedersinkende Feder beim Aufschlag so einen Nachhall erzeugt. Über Nacht wurde Robert Wilson zu einem der gefragtesten Theatermacher der vergangenen 54 Jahre.

Jetzt ist der Regisseur, Theaterautor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt Robert Wilson im Alter von 83 Jahren in New York gestorben. Er wurde mitten aus seinem noch immer sprudelnden Schaffensprozess gerissen. Wer ihn je erleben durfte, wird ihn sicherlich nie wieder vergessen.

Mit 14 Jahren merkte Robert, dass er schwul war. „Ich wusste wirklich nichts über diese Lebensweise“, bekannte er in seiner Biographie. Zu jener Zeit war es völlig unmöglich, in Texas offen schwul zu leben. Texas ist selbst heute noch extrem konservativ und moralisch. Rassengleichheit und Homosexualität gehören dort bis heute nicht überall zu den moralischen Tugenden.

Schon während der High-School studierte er Jura an der University of Texas, studierte anschließend auf Wunsch des Vaters Betriebswirtschaft. Sein schwules Doppelleben und das für ihn sinnlose Wirtschaftsstudium belasteten ihn sehr. Noch vor dem Examen kam es zum Bruch mit dem Vater: Wilson verkündete gleichzeitig, dass er schwul sei und er sein Wirtschaftsstudium abbrechen werde. Er wolle Künstler werden.

Der Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann ohne Sinn für Kunst und Kultur, war das einfach ein Schock: „Sag das nicht deiner Mutter. Wenn du schwul bist, können wir das heilen. Das kann geheilt werden.“

Wilson Junior zog stattdessen nach New York und stürzte sich endgültig in die Überarbeitung. Er studierte Architektur, Fotografie, Lichtdesign, Tanz, Malerei, Zeichnen und Design. Als sich der künstlerische Erfolg nicht unmittelbar einstellte, kehrte er auf Rat seines Vaters heim: „Sohn, du machst zu viele Dinge. Das wird niemals funktionieren. Du solltest eine Sache machen – und die richtig gut.“

Für das Multitalent Wilson war des Vaters Wunsch eine Katastrophe. In einem Motel wollte er seinem sinnloses Leben ein Ende bereiten, wurde aber noch rechtzeitig vom Zimmermädchen gefunden.

Er landete in einer psychiatrischen Klinik. Anfangs gefiel es ihm dort gut. Er mochte die Ästhetik von vergitterten Fenstern und Metallmöbeln in sterilen Räumen. Auch war er gerne allein. Um wieder entlassen zu werden, musste er normal wirken. Für ihn war das der Beginn seiner Schauspielkarriere.

PSYCHATER: „Haben Sie ein Problem damit, schwul zu sein?“
WILSON: „Nein, eigentlich nicht.“
PSYCHATER:„Nun, Ihr Vater hat eins.“
WILSON: „Ich weiß, dass mein Vater eins hat: Das ist ein Teil des Problems. Das ist das eigentliche Problem.“
PSYCHATER: „Vielleicht sollte ich anfangen, mit Ihrem Vater zu sprechen.“

Mit diesem Kommentar entließ er Wilson aus der Anstalt.

Dieser kurze Dialog ist für mich der Höhepunkt seiner Biographie. Er zeigt das wahre Problem aller Homosexuellen mit unsinnigem Doppelleben.

Raymond Andrews, ein taubstummer schwarzer Junge, wurde Mitte der 1950er Jahre geboren. Als er 13 Jahre alt war, beobachtete Wilson, wie ein Polizist ihn gerade mit einem Polizeiknüppel bearbeiten wollte. Angeblich hatte er eine Fensterscheibe zerschlagen.

Wilson intervenierte und verhinderte dessen Einweisung in eine Institution. Mit 27 Jahren adoptierte er als alleinstehender weißer, homosexueller Mann den 13-jährigen schwarzen Raymond – eine damals hoch ungewöhnliche rechtliche Entscheidung. Wilson argumentierte vor Gericht erfolgreich, dass der Staat viel Geld sparen würde, wenn Raymond nicht weggesperrt würde sondern bei ihm aufwuchs.

Raymond hatte nie eine Schule besucht, war taubstumm und dachte überwiegend in Bildern. Das war genau die Inspiration, die Wilson künstlerisch brauchte. Für und mit ihm schuf er „Deafman Glance (Der Blick des Tauben)“. Der Rest ist – siehe oben – Geschichte.

Nimm Deinen größten Fernseher. Sorge für den besten Ton, idealerweise per Kopfhörer. Nimm Dir viereinhalb Stunden Zeit – es gibt keine Pinkelpause!

Wilsons größter Erfolg: „Einstein on the Beach“, Oper in vier Akten von Philip Glass (88), uraufgeführt 1976 auf dem Festival von Avignon in der Regie von Robert Wilson. Arbeitstitel: „Einstein on the Beach on Wallstreet“.

Wenn auch Du die Erinnerungen meiner vergangenen Nacht an Robert Wilson teilen möchtest – zu leben, zu erleben, zu leiden, zu erleiden, zu lieben, zu hassen und/oder alles gleichzeitig – hier ist der Link zur gefühlten Relativität:

https://my-homo.net/news/Einstein_on_the_Beach.html

Wilson unvergesslich
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

 

Quellenangabe

Philip Glass - Einstein on the Beach Absolute Wilson. The Biography. By Katharina Otto-Bernstein, München: Prestel, 2006. ISBN 3‑7913‑3450‑6 Handel/Mozart: Der Messias staged by Robert Wilson Robert "Bob" Wilson
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