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Seiner Zeit voraus

homo.net Info vom 28. August 2025
von Webmaster Jan

 

Heute vor genau 200 Jahren wurde in Ostfriesland der Mann geboren, dessen Bildung, Geist und Mut unser aller Leben bis heute entscheidend präge: Karl Heinrich Ulrichs (28. August 1825 – 1895). Sein Biograf Volkmar Sigusch (1940 – 2023) schrieb über ihn, er sei „Der erste Schwule der Weltgeschichte“.

Theologe, Altphilologe, Jurist, Journalist, Verleger, Schriftsteller, Sexualwissenschaftler: Diese Liste seiner allumfassenden Bildung ist keineswegs vollständig. In Göttingen studierte er Theologie, klassische Philologie (Altgriechisch und Latein) sowie antike Philosophie. Dann wurde er Jurist. Er verließ Göttingen als Doktor beider Rechte, des Zivil- und des Kirchenrechts.

Bevor er seine juristische Laufbahn begann, studierte er in Berlin noch Geschichte und sich selbst. Da er sich nur für Männer interessierte, statt Frauen zu lieben, setzte er sich allumfassend wissenschaftlich mit seiner sexuellen Orientierung auseinander. Die üblichen abwertenden Ausdrücke wie Sodomie, Päderastie oder widernatürliche Unzucht lehnte er ab und gab unserer natürlichen Veranlagung neue Namen – selbstverständlich in Latein, eine Sprache, die er wie kaum ein Zweiter beherrschte.

Ulrichs nutzte die göttlichen Namen aus Platons „Symposion“, dem großen Dialog über alle Formen der Liebe. Er prägte daraus seine neuen Begriffe „Dioning“ und „Urning“, die den heutigen Begriffen „Hetero“ und „Homo“ entsprachen. Auch „Urninde“ für lesbisch Liebende durfte in seiner Systematik nicht fehlen.

Zwölf Schriften mit seinen „Forschungen über das Rätsel der mannmännlichen Liebe“ hat er uns hinterlassen. Er verfasste sie in Latein, der gemeinsamen Sprache (Lingua franca) der Gelehrten, der Kirche und der Politik. So konnten Menschen aus verschiedenen Ländern miteinander reden, lesen und schreiben.

Seine damals revolutionären Ideen machte er auf diese Weise den Gelehrten der Welt zugänglich, unabhängig von deren Muttersprache.

Gleich in seiner ersten Schrift über die mannmännliche Liebe führt er den Nachweis, dass sie ebenso wenig der Verfolgung bedarf wie die Liebe zu Frauen. Sie ist angeboren, naturgegeben, weit verbreitet und es gab sie zu allen Zeiten. Sie ist weder verbrecherisch noch unsittlich. Auch die gesegnete Ehe für Alle hat er bereits damals gefordert.

Ulrichs blieb von Anschuldigungen nicht verschont. In Hildesheim wurde gegen in ermittelt, weil er „widernatürliche Wollust mit anderen Männern treibe“. Celle verhängte ein Berufsverbot. So wurde aus dem Juristen ein Journalist, Privatsekretär, Sprachlehrer, Sexualwissenschaftler und schließlich Herausgeber seiner eigenen Zeitung in lateinischer Sprache.

Am 29. August 1867 fand er auf dem Deutschen Juristentag in München den Mut, seine Forderungen öffentlich vorzutragen. Seine Rede ging in tumultartigen Szenen unter. Karl Heinrich Ulrichs blieb sein ganzes Leben lang stolz darauf, dass er damals „die Kraft fand, der Hydra der öffentlichen Verachtung einen ersten Lanzenstoß in die Weichen zu versetzen“.

Es sollte noch über 100 Jahre dauern, bis diese Hydra in Deutschland zumindest öffentlich-rechtlich ihr Leben aushauchte.

https://my-homo.net/news/Manor_Novelle_von_Karl_Heinrich_Ulrichs.html

Welch ein Weltgeist
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

 

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