Wie das Cis zum Gender kam
homo.net Info vom 21. August 2025
von Webmaster Jan
„De bello Gallico“ – jeder, der mal Latein gelernt hat, kennt die Geschichte dieser großen Klopperei. Schon damals bezeichneten die Lateiner das näher gelegene Gallien „diesseits der Alpen“ als cisalpina und das fernere Gallien „jenseits der Alpen“ als transalpina. Den cis/trans-Gegensatz gibt es also schon seit dem 3. Jahrhundert v. Chr.
Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) prägte 1910 den Begriff „Transvestismus“. Damit bezeichnete er alle Menschen, die freiwillig Kleidung tragen, die üblicherweise nicht dem Geschlecht entspricht, dem sie körperlich zugeordnet sind. Nichtwissenschaftler brauchen wohl drei bis sechs Versuche, bis sie den vorigen Satz verstanden haben.
Bereits vier Jahre später stellte sein Kollege Ernst Burchard (1876 – 1920) fest, dass es den Begriff „Transvestismus“ ohne den Begriff „Cisvestismus“ nicht geben könne. So zog die trans/cis-Unterscheidung der alten Römer in die aufkeimende Sexualwissenschaft des 20. Jahrhunderts ein.
Der Psychiater Volkmar Sigusch (1940 – 2023) gilt als Pionier der Sexualmedizin in Deutschland. 1991 prägte er den Begriff Zissexualismus. Daraus wurden dann Cisgeschlechtlichkeit, das Adjektiv cisgeschlechtlich und, da heutzutage nichts mehr ohne Anglizismus geht, Cisgender, aus dem lateinisch „cis“ (diesseits) und dem im Deutschen bereits verballhornten englischen „gender“ (soziales Geschlecht).
„Cis“ bezeichnet also Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt bestimmten Geschlecht übereinstimmt. Das dürfte auf die meisten Menschen zutreffen. Diese Übereinstimmung bezieht sich jedoch nicht auf die sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität einer Person. So sind auch die meisten Schwulen cis – das Unsichtbare, das erst durch seinen Gegensatz sichtbar wurde. Cis – ein kleines lateinisches Wörtchen, das von Caesars Gallien bis ins heutige Denglisch überlebte.
Und dann gab es noch jemanden, der in Anlehnung an Platons „Symposion“ zwischen Dioning und Urning unterschied: dem Dioning, der heute eher als heterosexueller Mann bezeichnet wird, sowie dem Urning und der Urninde für die Homosexuellen.
Dieser Geschichte werden wir uns aus gegebenem Anlass nächste Woche ausführlich widmen. Denn die von Volkmar Sigusch verfasste Biografie von Karl Heinrich Ulrichs (28. August 1825 – 1895) trägt den Untertitel „Der erste Schwule der Weltgeschichte“. Das Wort „schwul“ in der Bedeutung „homosexuell“ gab es zu Ulrichs Zeiten bereits. Es tauchte erstmals um 1847 in der Berliner Gaunersprache auf. Bis zur Erfindung der „Homosexualität“ war es da noch ein weiter Weg – mit dem Umweg über den „Urning“.
Cis, wie fast alle
Jan
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