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Es war einmal ein SchwuZ

homo.net Info vom 6. November 2025
von Webmaster Jan

 

Wenn man um 4 Uhr morgens mit der U-Bahn in Neukölln ankommt, um die letzten Stunden des SchwuZ im SchwuZ zu verbringen, liegen noch 900 Meter dunkelster Fußweg vor einem. Um diese Zeit ist Berlin erstaunlich leer, und Neukölln ist nicht der Stadtteil, in dem man jetzt alleine herumlaufen möchte.

Vor der Tür eine Ikone von einem Mann mit wallend langen, weißen Haaren und unschätzbar hohem Alter. Nein, er kommt nicht von der Party, er geht verärgert: „Woher soll ich wohl ein Onlineticket haben ...“ Schade, er hätte jede Party bereichert – alleine schon durch sein imposantes Haar.

Wenn man am Türsteher vorbei ist, damit die Frage geklärt ist, „Komm ich rein oder nicht?“, ist man schon wieder alleine. Die riesige Eingangshalle ist menschenleer. Aber noch spielt die Musik in der Ferne …

Jetzt ist das Schwuz Geschichte. Und was für eine 48-jährige Geschichte das war!

Begonnen hat alles 1970. Homosexualität war eine Straftat. Die schwule Subkultur in Berlin war vollständig unsichtbar. Rosa von Praunheim (82) hatte bereits mit sieben Filmen reichlich auf sich aufmerksam gemacht, als ihm der Westdeutsche Rundfunk (WDR) den ersten schwulen Film der TV-Geschichte finanzierte. Dieser Film hat alles verändert, denn: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“.

Bei einer Aufführung des Films 1971 lernten sich 50 Schwule kennen, überwiegend Studenten. Sie gründeten die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW). Die HAW kämpfte nicht nur für die Überwindung von Patriarchat und Kapitalismus, sondern auch für die ersatzlose Streichung des § 175 aus dem deutschen Strafgesetzbuch. Dieser Kampf sollte noch 23 Jahre dauern.

1977 wurde dann aus der HAW heraus das SchwulenZentrum (SchwuZ) gegründet. Schwule Männer wollten sich nicht mehr verstecken. Das SchwuZ war für alle Interessierten offen und frei zugänglich. Rosa von Praunheim stellte die Räume unter seinem Studio zur Verfügung. Gemeinsam wurde eine Bar gezimmert, Matratzen auf den Boden gelegt. Es wurde diskutiert und gefeiert, anfangs kostenlos, dann für 1,- D-Mark pro Veranstaltung. Das Motto war „Raus aus den Klappen, rein in die Straße“ aus Rosas Film.

Vier Mal ist das SchwuZ danach umhergezogen, hin und zurück. Zuletzt wurde 2013 die ehemalige Kindle-Brauerei zur Großraumdisco mit Platz für über 1.000 Gäste. 80 Angestellte wurden jetzt voll bezahlt. Die Zeit, als alle Aktivisten kostenlos arbeiteten, den Club für eine Flasche Sekt tagelang putzten, war lange vorbei.

Man war jetzt voll divers – jedenfalls bei den bunt gemischten Geschlechtern. Doch in den letzten Stunden fehlten nicht nur die dunkelhäutigen, sondern auch die jungen und die alten Menschen. Kaum ein Millennial, wenige, die schon am Leben waren, als vor 48 Jahren das SchwuZ gegründet wurde. Die können ja nicht alle am Online-Ticket gescheitert sein ...

Nach und nach blieben die Gäste aus.

Mit den explodierenden Betriebskosten und dem geänderten Ausgehverhalten geriet der Club schon vor längerer Zeit in die Krise. Früher stieß das SchwuZ Debatten an, 2017 wurde es selbst zum Skandal. Als die Türsteher einigen dunkelhäutigen Gästinnen den Eintritt verwehrten, brach ein Shitstorm los. Waren die Frauen vor der Tür zu laut für die Nachbarn, wie die Türsteher behaupteten, oder waren die Türsteher Rassisten, wie in den unsozialen Medien behauptet wurde?

Was für ein idiotischer Shitstorm! Türsteher haben fast immer Gründe für die Abweisung von Gästen. Ab und an sind diese Gründe falsch, denn ihre Intuition ist nicht unfehlbar, aber unverzichtbar. Wer häufig und regelmäßig Clubs in aller Welt besucht, wird gelegentlich abgewiesen, unabhängig von Gender, Kleidung, Aussehen und Hautfarbe.

Retten wollte das SchwuZ am Ende keiner. Mehr Gäste wollten nicht kommen. Diejenigen, die kamen, wollten nicht mehr zahlen. Die Szene spendete schlappe 3.220,- Euro, als zum Crowdfunding von 150.000 Euro aufgerufen wurde.

Ein Investor wurde vergeblich gesucht. Zu teuer wären die dringend notwendige Erneuerung der Licht- und Tonanlage, neue Schließfächer und viele andere dringend notwendige Investitionen. Berlin ist sowieso pleite und interessiert sich kaum noch dafür, Regenbogenhauptstadt zu sein. Jetzt ist auch das SchwuZ pleite.

„48 Jahre SchwuZ – Last Cheers, Queers“ hieß die Abschiedsfete. Letzten Samstag war das SchwuZ ein letztes Mal brechend voll.

Wehmütige Erinnerungen bleiben
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

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